Was macht ein Inspizient?

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Berufsbild Inspizient*in
  1. Berufsbeschreibung
  2. Aufgaben und Arbeitsgebiet
  3. Voraussetzungen
  4. Ausbildung
  5. Vertragsart
  6. Abschließende Bemerkungen
  1. Berufsbeschreibung

Der / Die Inspizient*in (im weiteren Verlauf des Textes vereinfachend Inspizient) hat eine leitende Position auf der Theaterbühne. Er / Sie koordiniert und überwacht den gesamten künstlerischen und technischen Ablauf einer Bühnenaufführung und der vorhergehenden Bühnenproben.

Innerhalb der Produktion arbeitet der Inspizient direkt mit dem Regisseur und dem Bühnenbildner zusammen, bezogen auf die technischen Abläufe besteht eine enge Zusammenarbeit mit dem Bühnenmeister sowie allen beteiligten Gewerken. Durch seine Position und seine Verantwortlichkeit fungiert der Inspizient als Kommunikationsschnittstelle, gewissermaßen als Bindeglied zwischen Kunst und Technik.

Zur Erfüllung seiner Aufgaben hat er gegenüber den Bühnenmitgliedern den Status eines Bühnenvorstandes.

Um seinen verschiedenen Aufgaben gerecht zu werden, muss der Inspizient mit der Inszenierung eng vertraut sein. Aus diesem Grund begleitet er spätestens ab den Bühnenproben den gesamten Produktionsprozess und ist organisatorisch und vermittelnd zwischen Regieteam, Künstlern und Bühnenpersonal tätig.

Arbeitsplatz ist hauptsächlich das Inspizientenpult, von dem aus der Inspizient den Ablauf von Proben und Vorstellungen steuert. Für Vorbereitungen auf die Produktionen, Einrichten des Inspizientenbuches, gegebenenfalls auch die Erstellung von Ablauflisten, ist ein Büroarbeitsplatz erforderlich.

  1. Aufgaben und Arbeitsgebiet

Bei Vorstellungen:

Der Inspizient ist vor Vorstellungen rechtzeitig vor Ort, um sich zu vergewissern, dass die Bühne korrekt und sicher eingerichtet ist. Dreißig Minuten vor Beginn einer Vorstellung gibt er das erste von drei Zeichen und startet somit den Ablauf der Vorstellung. Ab diesem Zeitpunkt übernimmt er das Kommando für alle an der Vorstellung Beteiligten und gibt durch seine Ansagen dem Vorstellungsabend Struktur und Verlässlichkeit.

Der Inspizient ist Anlaufstelle für das Melden fehlender Mitarbeiter und koordiniert eventuell notwendige Maßnahmen. Nachdem alle Gewerke ihre Freigabe für den Beginn der Vorstellung gegeben haben, gibt er das Zeichen für den Zuschauereinlass. Fünf Minuten vor Beginn der Vorstellung werden die am ersten Bild beteiligten Künstler und technischen Abteilungen eingerufen. Unmittelbar vor Beginn vergewissert sich der Inspizient, dass diese für das erste Bild bereit sind.

Während der Aufführung ist der Inspizient der Verantwortliche für den korrekten Ablauf der Vorstellung. Er gibt durch Durchrufe, Ansagen, Lichtzeichen oder Handzeichen sämtliche Kommandos („Cues“) an die unterschiedlichen Abteilungen: Bühnentechnik, Beleuchtung, Requisite, Tonabteilung etc., je nach Absprache auch Auftrittszeichen für die Darsteller.

Bei Problemen während der Vorstellungen ist der Inspizient die erste Anlaufstelle. Er kann Auswirkungen auf den Ablauf der Veranstaltung abschätzen, Hilfe organisieren und die Beteiligten informieren.

Da der Inspizient zusammen mit dem Bühnenmeister auf die Sicherheit der Beteiligten achtet und gemeinsam mit der Abendspielleitung die künstlerische Qualität garantieren soll, ist er bei unvorhergesehenen Vorfällen gemeinsam mit dem Bühnenmeister, der Abendspielleitung und dem Direktionsdienst an schwerwiegenden Entscheidungen zu Vorstellungsunterbrechungen oder -abbrüchen beteiligt. Für technische Belange und im Bereich der Sicherheit trägt der Bühnenmeister die Verantwortung.

Der Inspizient dokumentiert den Ablauf der Vorstellung im Vorstellungsbericht für die Theaterleitung, in Absprache mit Bühnenmeister, Abendspielleitung und ggf. musikalischer Leitung. Darin werden besondere Vorkommnisse vermerkt (wie z.B. technische Mängel und Fehler, Unfälle), damit solche künftig vermieden werden können.

Bei Bühnenproben:

Der Inspizient ist bei Bühnenproben organisatorisch und vermittelnd zwischen Regieteam, Künstlern und Bühnenpersonal tätig. Rechtzeitig vor Probenbeginn überzeugt er sich von der Sicherheit und Richtigkeit der Einrichtung. Er bespricht mit Bühnenmeister und Regieassistenz, welche technischen Anforderungen für die Probe eingerichtet werden konnten und gibt diese Information an alle Beteiligten der Produktion weiter. Der Inspizient ist für einen rechtzeitigen Probenanfang sowie einen ordnungsgemäßen Ablauf der Bühnenproben zuständig und ruft alle Beteiligten für die Probe rechtzeitig zur Bühne.

Er trägt die Anweisungen des Regisseurs in das Inspizientenbuch (Textbuch, Klavierauszug, Orchesterpartitur oder Tanzszenarium) ein. Cues für die Vorstellungen werden in Zusammenarbeit mit dem Regieteam und den an der Produktion beteiligten Gewerken festgelegt. Der Inspizient erstellt und pflegt ein klares, lesbares und exaktes Inspizientenbuch.

Bei Abstechern / Gastspielen:

Bei Abstechern fährt der Inspizient die Vorstellung an einem anderen Veranstaltungsort. Im Vorfeld plant er bei einer Abstecherbesprechung gemeinsam mit Regie bzw. Abendspielleitung und Bühnenmeister den notwendigen zeitlichen Vorlauf für Bühnenbegehungen bzw. Änderungsproben, damit die Vorstellung so präzise wie möglich stattfinden kann.

Dokumentation:

Das Inspizientenbuch dient der Dokumentation der Produktion. Es muss auch noch Jahre später einen schnellen und verständlichen Überblick geben können. Außerdem muss es für einen stückfremden Inspizienten lesbar und leicht verständlich sein.

Bei der Weitergabe von Inspizientenbüchern im Rahmen von Koproduktionen oder Übernahmen sollten dem Inspizienten nachvollziehbare Unterlagen (kommentierte Grundrisse, Ablauflisten, Checklisten, DVDs, etc.)  zur Verfügung gestellt werden.

  1. Voraussetzungen:

Wichtig ist eine gute Kenntnis und Verständnis des kompletten Theaterbetriebes, das heißt sowohl der künstlerischen als auch der technischen Abläufe. Der Inspizient bedarf vor allem einer gewissen Gelassenheit, um sicher und konzentriert auf unvorhergesehene Zwischenfälle während einer Aufführung reagieren zu können. Er sollte kommunikativ und belastbar sein und gut mit Menschen umgehen können, er sollte Vertrauen schaffen, benötigt aber auch Durchsetzungsstärke.

Basisqualifikationen:

  • abgeschlossene Berufsausbildung / mehrjährige Berufserfahrung (die Fachrichtung ist zweitrangig)
  • Bereitschaft zu unregelmäßigen Arbeitszeiten (theaterspezifische Arbeitszeiten wie geteilte Dienste, Dienste an Abenden, Wochenenden und Feiertagen)
  • Begeisterung für den Beruf und das Theater

Soziale Kompetenz:

  • Gute Kommunikationsfähigkeit
  • Schnelle Auffassungsgabe
  • Verantwortungsbewusstsein
  • Selbständiges Arbeiten und Teamfähigkeit
  • Durchsetzungsvermögen
  • Belastbarkeit
  • Menschenkenntnis und Einfühlungsvermögen
  • Konfliktmanagement, Verhalten in angespannten Situationen
  • Organisationsfähigkeit und gutes Zeitmanagement
  • Führungsqualitäten
  1. Ausbildung:

Bislang gibt es in Deutschland keine formal geregelte Ausbildung für den Beruf des Inspizienten. Es handelt sich um einen Quereinsteigerberuf für theatererfahrene Menschen bzw. solche, die am Theater arbeiten möchten.

Zur Berufsvorbereitung sind Praktika erforderlich. Grundlegend ist eine gründliche Einarbeitung und das eigenverantwortliche Erarbeiten von Kenntnissen und Fähigkeiten durch Learning-by-doing.

Für die Zukunft gibt es Bestrebungen, zusätzlich durch Seminare eine Grundlagenqualifizierung zu schaffen, welche sowohl auf Berufsanfänger als auch auf erfahrene Kollegen, die sich aus- bzw. weiterbilden möchten, zugeschnitten sein sollen. Es soll erreicht werden, dass alle Menschen, die den Beruf des Inspizienten ausüben, über bestimmte Kenntnisse verfügen und imstande sind, professionell und sicher zu arbeiten.

Berufsspezifische Anforderungen:

  • Kenntnis des Theaterbetriebs und technisches Wissen
  • Übersicht über alle Abläufe eines Theaterbetriebes
  • Umfassende Kenntnis der Zuständigkeiten, Aufgabenbereiche und Arbeitsweisen der unterschiedlichen Abteilungen / Gewerke / Mitarbeiter
  • Befähigung zum Krisenmanagement (Vorstellungsabbruch, Notfallkette)
  • Grundlagen der Bühnentechnik, Lesen von Bühnenplänen
  • Grundlagen Arbeits- und Gesundheitsschutz, Erste Hilfe
  • Kenntnis rechtlicher und betrieblicher Grundlagen: Tarifverträge (Sonderregelungen je nach Sparte), hausinterne Betriebsvereinbarungen
  • Organisation von Bühnenabläufen
  • Notenlesen (vor allem Musiktheater)
  • musikalisches Gespür
  • Schrittfolgen und Figuren ( vor allem Ballett),
  • Gespür für Bewegungsabläufe, Sprechpausen, Anatmen
  • Arbeiten mit Timecode
  • Einrichtung eines Inspizientenbuches
  • Bedienen eines Inspizientenpultes
  • Arbeiten mit Funkgeräten, Intercom- und Sprechanlagen, Lichtzeichenanlagen
  • gute Kenntnis einer oder mehrere Fremdsprachen
  1. Vertragsart

In der Regel sind in Deutschland Inspizienten nach Normalvertrag Bühne Bereich Solo an einem Theater, Opern- oder Mehrspartenhaus mit einer entsprechenden Spartenfestlegung fest angestellt. Inspizienten können auch für einzelne Produktionen (z.B. bei Festivals) verpflichtet werden, oftmals dann im Rahmen eines Werkvertrages.

  1. Abschließende Bemerkungen:

Die jeweiligen Aufgaben und Pflichten des Inspizienten können haus- und spartenabhängig unterschiedlich sein.

Der Inspizient ist zusammen mit dem Spielleiter maßgeblich für die Aufrechterhaltung des künstlerisch-technischen Konzeptes einer jeden Produktion verantwortlich und das über Jahre hinaus für jede einzelne Vorstellung.

Frauen und Männer sind gleichermaßen für diesen Beruf geeignet.

10 Kommentare

  1. Ich habe unsere Seite beim Wikipediaeintrag „Inspizient (Theater)“ bei den Weblinks mal als offizielle Seite der Inspizienten des deutschsprachigen Raums ergänzt. 🙂

  2. Hallo!

    Applaus für eure tolle Leistung!!!
    Das von vielen unserer Kollegen ersehnte und erhoffte wird nun endlich umgesetzt und der rege Austausch kann beginnen bzw. weitergeführt werden : )

    Viel Spass & Erfolg weiterhin!

    Beste Grüße aus Leipzig,
    Philip

  3. Hab‘ mich gefreut Eure Runde auf der BTT 2014 in Karlsruhe kennenzulernen!
    Werde weiterhin in meiner ehemaligen Wirkungsstätte am Theater Regensburg kräftig Werbung für Eure Runde machen!
    Bin ausserdem gespannt auf einen weiteren Austausch über Eure Anforderungen an Euere wichtigsten Arbeitsgeräte, die Inspizientenpulte!!!

    Weiter so !!!

  4. Hallo ihr Lieben!

    Ich habe mit großem Interesse Berichte zum Inspizientenkongress in der BTR verfolgt und bin heute auf eure Seite gestoßen. Finde es super, was ihr macht und würde mich sehr gerne auch im Forum registrieren, sobald es wieder funktioniert!

    Hier noch eine Beschreibung des Stage Management Berufs von Philip Godfrey, aus dem Jahre 1933:

    „The stage-manager must be gifted with uncommon powers if he is to live to a reasonable age. He must be capable of working sixteen to eighteen working hours a day for weeks at a time, seeing as little daylight as a pit-pony, listening with polite patience to the complaints of actors about each other’s behaviour and the inadequacy of their dressing-rooms, bearing with cheerfulness the blame for every stupid blunder on the part of his subordinates, while maintaining his bodily and mental efficiency upon a diet of sandwiches and cups of coffee – or possibly bottles of stout.“
    (Back-Stage. A Survey of the Contemporary English Theatre from behind the Scenes. London: George G. Harrap and Co., Seite 131)

    Hat sich nicht viel geändert, oder?? :-))

    Liebe Grüße und weiter so,
    Sarah

  5. „Für Vorbereitungen auf die Produktionen, Einrichten des Inspizientenbuches, gegebenenfalls auch die Erstellung von Ablauflisten, ist ein Büroarbeitsplatz erforderlich.“
    Na schön wärs. Mein Büroarbeitsplatz besteht aus einem alten Armspind aus NVA Zeiten, der sich vor der Damentoilette befindet.

    1. Hallo Timo, genau deswegen steht es drin.
      Diese Berufsbeschreibung soll ja über kurz oder lang die Grundlage für alle, sich mit Inspizienz beschäftigenden Menschen und Institutionen, sein.
      Liebe Grüße
      Ralph

  6. Sehr gute Arbeitsplatzbeschreibung, tolle Seite. Grosser Respekt an die Macher dieser Seite. Gerne würde ich noch ein alter Grundsatz hinzufügen: Jeder ist in erster Linie für seinen Auftritt, Cue und sonstiges selbst verantwortlich. Auch ein Inspi ist nur ein Mensch und kann sich während einer Vorstellung nicht um alles kümmern. Leider wird aber davon in der heutigen Zeit immer mehr ausgegangen.

  7. Vielen Dank für die ausführliche Beschreibung dieses sehr anspruchsvollen Theaterberufes.
    Teilweise wäre eine größere Wertschätzung und Anerkennung unserer Leistungen wünschenswert.

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